Selbständig mit Familie – geht das?

Selbständig mit Familie – geht das?
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Inspiriert durch einen Beitrag von Digitalista-Gründungsmitglied Susanne Liechtenecker möchte ich mich dem Thema Selbständigkeit und Familie widmen: Ist es möglich einen Job, in dem man sprichwörtlich selbst und ständig im Einsatz ist und eine Familie mit 2 Kindern (wie in meinem Fall) unter einen Hut zu bringen? Und wenn ja wie klappt das?

Wie alles begann – der Beginn meiner Selbständigkeit mit Familie

Zunächst einmal ein kleiner Exkurs, um euch zu erklären wie es zu meiner Selbständigkeit mit Familie kam: Vor zwei Jahren fand meine bis dato toll verlaufende berufliche Karriere ein plötzliches Ende. Mein damaliger Arbeitergeber (Anm. eine große österreichische Marke) fand für eine Teilzeit-Marketingfachkraft nach der Geburt meines 2. Kindes einfach keine Verwendung mehr. Da stand ich nun, mit über 12jähriger Erfahrung in Marketing und Kommunikation, diplomierte Betriebswirtin und Master of PR. All meine fachliche Erfahrung, meine Teamführungskompetenz, mein internationaler Background hatten keine Bedeutung mehr. Mein Arbeitgeber war nicht in der Lage eine passende Aufgabe für mich zu finden. Was also tun?

Nach der totalen Verzweiflung und vielen Gesprächen mit Familie und Freunden habe ich mich dann gemeinsam mit meinem Mann für den Versuch Selbständigkeit entschieden. Für mich stand fest, ich will weiter arbeiten! Aber ein Unternehmen zu finden, dass eine Teilzeit-Führungskraft einstellt ist praktisch unmöglich. Und eigentlich war das Selbständig sein schon immer mein großer Traum: Etwas tun, wofür nur ich alleine verantwortlich bin. Keine Chefs, keine großen Richtlinien, einfach nur ich und mein Job. (Anm. Ja, so hab ich mir das Märchen Selbständigkeit wirklich vorgestellt 😉

Meine Vorstellungen wurden immer konkreter und nach ein paar Wochen mit Business-Plan, Netzwerken und ersten Namensideen, war das Konzept für das Kommunikationsstudio com_studio  fertig. Anmerkung: zu diesem Zeitpunkt war meine Tochter 3,5 Jahre und ging bereits in den Kindergarten. Mein Sohn war knapp 1,5 Jahre alt und war 3 Tage in der Woche bei einer Tagesmutter. Und wie bitte macht man sich mit so wenig Arbeitszeit selbständig? Reicht das um Geld zu verdienen?

Ein bisschen Glück, einige Nachschichten und tolle Unterstützung

Ich hatte großes Glück und hatte gleich ein tolles PR-Projekt auf dem Tisch. Was ich nicht in meinen Arbeitsstunden unterbringen konnte, habe ich in Abend- und Nachtstunden erledigt. Dabei wurde ich von meinem Mann super unterstützt. Ohne ihn hätte ich es nicht geschafft. Er ist eingesprungen um späte Abendmeetings und Workshops mit Übernachtung möglich zu machen.
Nach den ersten Monaten hat sich dann alles prima eingespielt. Mein Geschäft lief und ich musste mir kaum mehr Nächte um die Ohren schlagen.

6 Tipps als selbsständige Mutter

Heute, 2 Jahre nach dem Start meiner Selbständigkeit (mit Familie) kann ich allen Frauen, die eine Selbständigkeit überlegen und bereits Kinder haben oder all jenen, die ans Kinderkriegen denken, sechs Tipps mit auf den Weg geben:

  1. Zögere nicht, sondern mach einfach: Selbständigkeit und Familie funktioniert! Aus meiner eigenen Erfahrung heraus, finde ich es sogar besser als Arbeiten in einem Unternehmen. Dort muss man sich rechtfertigen und Zeiten offiziell einarbeiten wenn z.B. ein Kind krank wird. Und man hat immer das Gefühl sich rechtfertigen zu müssen.
  2. Setze dir machbare Ziele. Mir persönlich ging es nie darum reich zu werden. Natürlich kann man mit limitieren Arbeitsstunden weniger Aufträge bearbeiten, weniger Umsatz erwirtschaften. Dafür gibt es den unschlagbaren Vorteil Arbeit und Familie zu vereinen. Ich habe trotzdem Zeit mit meinen Kindern Turnen zu gehen, gemeinsam zu spielen. Arbeit heißt nicht immer 40 Stunden und mehr arbeiten. Selbständigkeit in Teilzeit funktioniert.
  3. Hole deine(n) Partner(in) mit an Bord. Ohne Backup geht es nicht. Denn es kommen Projekte, wo man mehr arbeiten muss oder einmal außernatürliche Arbeitszeiten hat. Außerdem muss Verständnis da sein, dass vielleicht auch einmal in der Nacht oder am Wochenende zu arbeiten ist. Dein Partner muss dich unterstützen.
  4. Plane effizient. Nicht nur die Kinderbetreuungszeiten, sondern auch die Kundenarbeit muss gut durchgeplant werden. So bevorzuge ich Kundentermine in meinem Büro oder in näherer Umgebung, anstatt mich mit langen Fahrzeiten aufzuhalten. Ich habe einen Tag in der Woche an dem ich ganztags arbeiten kann. Somit kann ich meinen Kunden auch Nachmittagstermine ermöglichen. Die notwendigen Einkäufe erledige ich oft zwischen meinen Kundenterminen und auch das Fitnesscenter geht sich irgendwie aus.
  5. Lerne zu improvisieren. Gerade mit Kindern gibt es oft Situationen, die den perfektesten Plan über den Haufen schmeißen. Und meist ist es so, dass gerade dann richtig viel zu tun ist. Ich kann euch aber sagen, dass es für all diese Situationen immer eine Lösung gibt. Noch nie in meinen 2 Jahren war etwas unlösbar. Als meine Tochter vor kurzem ins Spital musste, hab ich noch in derselben Nacht meine Kunden informiert und es war kein Problem, die Dinge später abzuliefern.
  6. Schlafe weniger, aber genieße die Freiheit. Stellt euch auf Zeiten ein, in denen ihr wenig schlafen werdet – entweder weil euch die Arbeit bis spät nachts wachhält, oder weil ihr so viele Dinge im Kopf habt, dass ihr nicht schlafen könnt. Aber Schlaf kann man nachholen 😉 Was ihr an jedem Tag eurer Selbständigkeit genießen könnt, ist die Freiheit eurer eigener Chef zu sein.

Bei all dem Enthusiasmus, muss es doch auch negative Seiten geben?

Eigentlich nicht wirklich.

Ja, ich fühle mich wirklich frei! Ich habe meine Leidenschaft zum Beruf gemacht und bin für mich selbst verantwortlich. Ich genieße es selber entscheiden zu können, wann, wo und wieviel ich arbeite. Ich muss niemanden Rechenschaft ablegen, wenn ich im Sommer nur 3 Tage die Woche arbeite, weil meine Kinder zu Hause sind.

Nein, meine Kinder leiden nicht unter meinem Beruf, im Gegenteil. Sie lernen und sehen, dass Arbeiten Spaß machen kann und nicht immer im entfernten Büro stattfinden muss. Ganz oft passiert Arbeit bei mir in Alltagssituationen wie beim Spielen im Garten oder in der Küche, wenn ein Kunde anruft und ich ganz schnell von Mama in die Geschäftsfrau umschalten muss. Noch nie war das für meine Kinder ein Problem.
Ich arbeite nach wie vor keine 60 Stunden pro Woche. Mittlerweile ist auch mein Sohn im Kindergarten und meine Arbeitszeiten sind deutlich angestiegen. Durch ein großartiges Partnernetzwerk habe ich eine gute Auslastung. Eigen-PR und Netzwerken machen den Rest. Es gibt Zeiten, die mich an den Rand meiner Kapazitäten bringen, in anderen Zeiten ist eine lockere Zeiteinteilung möglich. Ab und zu sind sogar einmal ein paar Freistunden für mich möglich. Ich blicke sehr zuversichtlich in die Zukunft und bin noch immer total begeistert vom Selbständig sein. Ich kann also allen Frauen da draußen, die sich die Frage stellen Selbständigkeit und Familie geht das, bestärken. Ja es geht.

Ich wünsche euch allen viel Erfolg auf Eurem Weg in Selbständigkeit!

Eure Michaela

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Michaela Binder ist Inhaberin von com_studio – einem Kommunikationsbüro für KMUs. Michaela ist gelernter Marketer und war bei zwei großen österreichischen Markenunternehmen beschäftigt. Sie berät und unterstützt Unternehmen in allen Belangen der Kommunikation – offline und online. Michaela bloggt als com_checker auf www.com-studio.at und als Gastautor auf www.gruenderblog.at.

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10 Gedanken zu „Selbständig mit Familie – geht das?“

  1. Hallo Michaela,
    freut mich sehr, dass dich mein Beitrag dazu veranlasst hat, hier über deine positiven Erfahrungen zu berichten. Großartig. Da auch ich selbstständig bin, wird sich für mich wohl ein ähnlicher Ablauf ergeben. Da wir als Firma auch Mitarbeiter haben, möchte ich darauf achten, was es braucht, um auch ihnen flexible Möglichkeiten bieten zu können. Damit so ei Schritt wie von deinem Ex-Arbeitgeber nicht notwendig ist.

  2. Liebe Susanne, ja, es ist ganz wichtig, dass wir Mädls, da gute Vorbilder sind! Jede von uns wählt einen unterschiedlichen Zugang zum Thema Arbeit&Familie. Wichtig ist, dass die Mitarbeiterinnen unbedingt mitreden dürfen, wie es für sie am besten ist! Ich wünsch dir dafür alles Gute! Und freu mich, wenn du weiter davon berichtest! Lg, Michaela

  3. Respekt & Hut ab – das selbstständig sein an sich kann schon so manchmal eine Herausforderung sein aber mit 2 kleinen Kindern ist das noch eine ganz andere Geschichte.
    Schön auch, dass du die nötige Unterstützung hast 🙂

  4. Hallo Michaela,
    ich habe ein Betriebsgebäude und mir ist mein Pächter ausgezogen (der noch zwei Jahre weiterbezahlt). Nach längerem Überlegen habe ich mich dafür entschieden die Räumlichkeiten für unterschiedliche Firmen für ein Jahr gratis zur Verfügung zustellen (ich habe alles renoviert und technisch auf neuen Stand gebracht) und dafür nehme ich mir eine kleine Beteiligung. Dabei geht es mir nicht darum reich zu werden, sondern einen Einblick in die Firmen zu haben und diese mit meinem Beraterteam zu unterstützen und ggf. etwas zu steuern.
    Es soll so gearbeitet werden können wie von zuhause aus, aber trotzdem ist man eingebunden in eine Gruppe von Gleichgesinnten und damit hat man Ansprechpartner und kann auch gemeinsam neue Ideen generieren.
    Auf meiner Homepage http://www.newworkcenter.at findest Du nähere Informationen.
    Ich wäre Dir verbunden, wenn Du meine Idee auf Deinen Blog aufnehmen würdest und Deine Community mit mir teilst.
    Starten will ich im Herbst 2016

    LG Barbara

    1. Hallo Sony! ja, ich bin nach wie vor noch selbständig und es läuft prima. Meine Kinder sind mittlerweile beide in der Schule und mit 9 und bald 7 Jahren schon richtig ‚groß‘. Das erleichert vieles und gibt mir auch mehr (Arbeits)raum. Im Sommer habe ich mir heuer eine komplette Auszeit genommen, dh. von Mitte Juli bis Mitte September habe ich nur wenige Stunden gearbeitet. Auch das ist möglich und war sehr gut, wieder einmal mein Hirn freizubekommen. Als Selbständige beschäftigt mich ja immer wieder die Frage, wohin die Reise gehen soll. Lg, Michaela

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